Handy-Terror 1. Klasse

Bereits seit Anfang des Jahres nutze ich bevorzugt öffentliche Verkehrsmittel, um zur Arbeit zu fahren. Auf diese Art vermeide ich Staus, Drängler und die mittlerweile horrenden Spritkosten und komme entspannt im Büro an.

So zumindest die Idee…

Nicht bedacht habe ich dabei leider die Heerscharen an Vollpfosten, die sich morgens und abends mit mir in Bus und Bahn quetschen. Egal ob herumprollende Homeboys, die den übrigen Passagieren beweisen müssen, wie cool sie sind oder krähenfüßige Hausmütterchen, die ihr mangelndes Selbstvertrauen dadurch kompensieren, dass sie die gesamte Bahn an der Schilderung ihres traurig-eintönigen Sexuallebens teilhaben lassen. Doch am Allerschönsten sind die mobilen Dampfplauderer, die lautstark ihrem jeweiligen Lebensabschnittsgefährten (- oder dem, was sie dafür halten -) Trivialitäten durch’s Handy zubrüllen – denn die Netzabdeckung ist ja doch echt übel, wenn man im Regionalexpress durch Wiesen, Wälder und Felder eilt. Nicht, dass diese Mobilfunk-Chaoten irgendetwas Wichtiges mitzuteilen hätten. Denn meistens beschränkt sich der Inhalt solcher Gespräche auf

“JAAAA? NEIN! WAAS? Ich versteh’ Dich nicht, das Sch…-Handy hat wieder keinen Empfang! Was??? Nein, ich sitze im Zug. Ja, ich bin vor 10 Minuten aus dem Haus gegangen. Klar hab’ ich mich verabschiedet. Nein, ich sitze im ZUUUG!”

und ähnlich intelligente Dialoge. Ein solcher Experte fährt jeden Morgen im gleichen Zug und erzählt seiner Mitbewohnerin während der gesamten Fahrt Dinge, die sie eigentlich mitbekommen haben müsste – falls sie nicht längst ihr Gehör auf Durchzug gestellt hat.

Also war schnell die Entscheidung gefallen, dass ich mein vorhandenes Ticket 2000 um die Option der 1.-Klasse-Nutzung erweitere. Das ist zwar etwas teurer, aber das sollten mir meine Nerven in jedem Fall wert sein – so zumindest die Idee meiner Frau.

Heute war es dann soweit. Ausgestattet mit der neuen Dauerkarte steige ich am Krefelder Hauptbahnhof in das Erster-Klasse-Abteil meines Regionalexpresses. Schnell stelle ich fest, dass doch weitaus mehr Passagiere die Erste Klasse nutzen als ich das erwartet habe. Aber egal – die Sitze sind breiter und bequemer, man hat mehr Platz für die Beine und kann sich besser entspannen.

Kaum habe ich es mir jedoch auf meinem Platz bequem gemacht, taucht ein kleines Hutzelmännchen auf und rammt mir seinen Trolley und Aktenkoffer gegen die Schienbeine. Verständlich, hat er doch nur eine Hand frei, weil die andere Hand sein Handy am Ohr jongliert. Mit deutlich vernehmbaren Sächseln brüllt auch dieser Zeitgenosse während der gesamten Fahrt in sein Handy. Einziger Unterschied: Statt Trivialitäten werden Firmengeheimnisse ausgeplaudert.
Wenn ich jetzt noch wenigstens in der selben Branche tätig wäre, dann hätte sich der Handyterror erster Klasse für mich wenigstens gelohnt. Aber Werbung in Printmedien ist so gar nicht mein Ding…

Na ja, zumindest war die Fahrt bequem. Und vielleicht habe ich ja künftig doch das gleiche Glück wie in der anschließenden Regionalbahn: Allein auf weiter Flur und keinen fiber-optischen Telefonterror auf dem Nebensitz. Mal sehen.

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